Ich bin ein Freund klar strukturierter, chronologischer und vor allem inhaltlich anspruchsvoller Erzählungen. Das sollte euch inzwischen aufgefallen sein. Ich gebe mir zumindest Mühe. Sicher könnt ihr euch schon denken, dass man als Außerirdischer so seine Probleme damit hat.
Bestes Beispiel dazu, ist ein Bericht aus ihrem Urlaub...
Sie wollte mir erzählen, inwieweit ihr chauvinistischer Papa seine Frau schlecht behandelt. Der hatte sie nach einem Unfall angepflaumt. Das ist also der Aufhänger. Warum also hat er seine Frau angeblafft? Weil er beim rückwärts aus einer Parklücke fahren... er hatte da an der Straße geparkt, da beim Restaurant... da waren sie alle Essen... das haben sie ja bisher jeden Sommer gemacht, aber diesen Sommer waren sie mit 3 Autos da. Sie sei mit den Eltern gefahren, denn die anderen Wagen waren ja schon belegt... sonst wären sie immer mit zwei Autos gefahren, aber die eine Schwester war ja mit Mann und Kind und Schwiegermutter da, das Auto schon voll, die andere Schwester mit Mann und Kindern unterwegs, also war sei bei den Eltern im Auto. Und wenn ich glauben würde, sie wäre eine rasante Fahrerin, würde ich auf dem Beifahrersitz ihres Vaters sicher tausend Tode sterben. Es war übrigens super, dass sie bei der Schwester gewohnt hat, denn so hatte sie viel mehr Zeit mit ihren Nichten.
Ihr seht worauf das hinausläuft? Sie hat eine gute Stunde ununterbrochen auf mich eingeredet. Ich wundere mich immer wieder, wie sie es dabei schafft genug Sauerstoff in ihren Körper zu pumpen.Scheinbar ist sie in der Lage, diesen der Luft über ihre Haut zu entnehmen. Ich würde bei einer ähnlich hohen Wörter-pro-Minute-Rate bewusstlos zu Boden sinken. Aber zurück zur Geschichte:
Sie hatte so einen Spass mit ihren Nichten und die Kleine ist ja so ein aufgewecktes Mädchen und hat mit ihren 4 Jahren tatsächlich schon einen Hang zur Mathematik entdeckt. Und wenn sie dann die Kinder von ihrer Cousine sähe, also sie als Nicht-Mutter habe sich ja nicht getraut was zu sagen, aber die Kinder seien ja dermaßen unterfordert und niemand nimmt sich mal Zeit mit denen zu spielen oder ihnen was beizubringen. Dabei hat der kleine doch so nett mit ihr gespielt und sie hat ihn ja sogar dazu gebracht hinterher wieder mit ihr aufzuräumen. Nein, da sei sie froh, dass ihre Schwestern so viel besser im Umgang mit ihren Kinder seien.
Zu diesem Zeitpunkt habe ich den ursprünglichen Grund für die Geschichte längst aus den Augen verloren. Sie hat sich aber nicht etwa in ihren Gedanken verirrt, nein, sie glaubt noch immer die gleiche einfache Geschichte zu erzählen, die sie am Anfang angekündigt hat. Sie redet noch immer über ihren Papa. Also auf Umwegen sicherlich, aber wir sind noch immer bei der Erzählung über seinen Wutausbruch.
Die waren ja im Restaurtant auch so lieb, ihre Nichten und das Essen war so gut. Und als es dann wieder nach Hause gehen sollte, ist ihr Papa das Auto holen gegangen und hat dabei ganz leicht den hinter ihm stehenden Wagen an der Stoßstange berührt. Da war wirklich nichts. Nichtmal ein Kratzer. Aber er hat sich natürlich über sich selbst geärgert und das war ja schon schlimm genug, weil er dann ja seinen Frust an seiner Frau abbauen würde. Aber es kam noch schlimmer, denn der Unfallgegner bestand drauf doch die Polizei zu rufen, was das ganze noch ein bisschen komplizierter und vor allem zeitaufwändiger machen würde. also wurde ihr Papa noch schlechter gelaunt als er es ohnehin schon war und ließ, nachdem die Polizei wieder weg war und man sich endlich auf den Heimweg machen konnte, seine Wut an seiner Frau aus.
Das habe Mama ihrer Schwester erzählt, als sie abends telefoniert hatten, denn sie war ja mit der Schwester gefahren, weil sie wieder dort schlafen würde um auf die Nichten aufzupassen. Hatte sie eigentlich erwähnt, dass die Vierjährige schon ganz alleine rechnen kann? Also sie kann da auch kein Mitleid mit ihrer Mutter haben, wenn die sich immer alles gefallen ließe, aber sie habe ja noch nie was gesagt und die Launen ihres Mannes immer hingenommen...
Okay. Das war es also.
Und so sieht es immer aus, wenn sie etwas erzählt. Wenn ich das wiedergeben würde, dann hätte das in etwa so geklungen: Gestern nach dem Restaurant hat mein Papa beim ausparken ein Auto touchiert. War nichts schlimmes, aber der andere Fahrer wollte unbedingt die Polizei holen. Die haben das alles aufgenommen und sie dann nach Hause geschickt. Ist ja kein Schaden da, den man regulieren müsste. Aber mein Papa hat sich so über seine eigene Unfähigkeit und die ewige Wartezeit aufgeregt, dass er hinterher seinen Frust an meiner Mutter ausgelassen hat, die wie immer nichts gesagt und einfach alles geschluckt hat.
Klar, stringent und mit allen notwendigen Informationen. Das ist etwas, was sie nicht kann. Sie scheitert schon an der Auswahl der zum Verständnis nötigen Details. Sie wählt nämlich gar keine aus, sondern erzählt einfach unsortiert alles, was in dem Zusammenhang in ihrem Kopf herumschwirrt.Und sie hat keinerlei Verständnis dafür, dass ich es manchmal recht mühsam finde, die Essenz ihrer Berichte aus diesem Wust an unreflektierten Gedanken zu extrahieren...
Ich stelle ihr generell nur Fragen, die man mit Ja oder Nein beantworten kann. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie das auch in gewünschter Weise tut. Sie schafft es auch dann noch einen halben Roman zu erzählen und mich darin nach der passenden Antwort suchen zu lassen...
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